Monatsrückblick Dezember 2010
Ach, für den Oktober habe ich schon keinen Rückblick hinbekommen, und im trüben November habe ich es nicht einmal hinbekommen, darauf hinzuweisen, dass ich es nicht hinbekomme — eigentlich schade, dass man neben dem Internet noch so ein lästiges Leben mit teilweise sehr unerfreulichen Aspekten hat. Da will ich jetzt doch wenigstens etwas schreiben und hoffe, dass ich mal die Ruhe dazu finde.
Der weiße Tod
Es ist mal wieder fürchterlich, wir werden alle sterben. Selbst die Fraktale schon frosteklirr. Alle reden vom Wetter, und sogar die Deutsche Bahn redet diesmal mit. Dass ich das noch einmal erleben darf, dass ein großes deutsches Unternehmen zu seinen Kunden sagt, dass sie die Dienstleistung, mit der dieses Unternehmen ein Geschäft machen will, doch besser nicht in Anspruch nehmen sollen. Und morgen empfiehlt mir Microsoft, kein Windows zu benutzen und der Papst legt den Katholiken den Kirchenaustritt nahe. Als ich noch jung war, da verstand man unter dem “weißen Tod” die damals schon seltene, aber in den ungesunden, feuchten Ghettolöchern meiner ausgelieferten Zeit immer noch sehr präsente Tuberkulose. Heute fällt der weiße Tod vom Himmel, wenn man den ganzen Schreckensmeldungen vom “Winterchaos” glauben darf, die im üblichen Alarmismus durch die Medien getrieben werden, auf dass auch alle Sinne gut mit sinnlosem Infomüll abgestopft und davon ermattet und ermüdet werden. The same procedure as last year — oh ja, schon im letzten Jahr konnte ich mich da nicht mehr zurückhalten:
Ach, wie schrecklich doch dieser mörderische Horrorwinter aussehen kann! Erstaunlich, dass dabei mancher Mitmensch greifbar glücklich aussieht. Und da der Schnee leider immer noch Temperaturen von unter Null Grad Celsius hat, lobt man sich ein Vlies aus kuschelbunten Stoffen, und wer ein anderes Leben als ich führt, setzt sich mit winterlichen Leckereien in die warme Stube. Ein guter Moment, darüber nachzudenken, was für ein Blogger man oder frau eigentlich so ist. Oder auch einfach nur, um auf der Matratze vor der Glotze zu liegen und sich darüber zu freuen, wie gut HD wirklich aussieht. Mann kann natürlich auch farbloser Lokalpolitiker sein und vom extrafressend Turbosalz auf den Straßen der Stadt fantasieren, die wie jedesjahr ungeräumt in drecksam braunegrauer Pracht liegen. Wer hingegen eher etwas Körperwärme von zuchtlosem, warmem Fleisch haben mochte, konnte auch auf seine Kosten kommen. Na, vielleicht hat ja der eine oder andere ein besser gelegenes Haus oder doch wenigstens den schönsten Platz für seine Zukunft. Oder den gar nicht so warmen summer inside.
Manchem ist der Schnee ja auch nicht genug, und überall zum Jahresende in den Blogs rieselts javascriptgesteuert durch die Seiten. Keiner denkt daran, dass auch die Datenautobahn geräumt werden muss. In Hannover gabs den ersten Winterschaden im Internet, die Online-Bürgersprechstunde musste wegen des Schneefalls ausfallen.
Weihnachten
Sie mag ja ein Konglomerat aus Geschichtsirrtümern, Wunschdenken, Dogmatik sein, eine wertlose Fantasie, die Weihnachtsgeschichte der Christen. Trotzdem macht sich im Dezember doch immer eine beachtliche Feierlichkeit breit, süßer die Kassen nie klingeln. Und statt der alten Irrtümer nimmt man lieber das kommerztauglichere Märchen vom Odin Weihnachtsmann. Warum ich den Odin überhaupt erwähne, wo ich ihn doch gleich wieder streiche? Na, der rote rote Weihnachtsmann (nicht mit Gott und Jesus Christus zu verwechseln) als anthropomorpher Fliegenpilz hin oder her, aber in der Innenstadt konnte man durchaus einigen Berserkern begegnen, bei denen mich die Annahme eines maßlosen Konsums halluzinogener Pilze mit Verständnis für ihre Tätigkeiten erfüllte. [Auf isländisch heißt der kleine Rotkopf übrigens berserkjasveppur, ich gebe ja zu, dass nicht jeder meine Assoziationsketten nachvollziehen kann. Ich übrigens auch manchmal nicht.] Diese Menschen nennen die Tätigkeiten ihrer kleinkalibrigen Berserkerwut übrigens “Baum aufstellen“, “Dekoration“, “Weihnachtsfeier” (ich könnte das wohl nicht anziehen), “Einkauf“, “Weihnachtsmarkt” und “Gesang“. Auch die Spammer betätigen sich jahresendzeitlich als Berserker auf jedem denkbaren Kanal. Gut, dass am Nachmittag des 24. Dezembers alles vorbei ist und nur die Plätzchen wartend auf den leckerbeißend Mund und ein geisterhaft dünstelnder Festhauch bleiben. Und bald feiern wir die Geburt des eierlegenden Hasen. Tja, aber erstmal müssen sich noch einige ausgiebig darüber freuen, dass sie ihre Familie nur einmal im Jahr so nahe um sich haben wie zum Fest des Friedens. Sicher ist jedenfalls, dass die christliche Religion die alten paganen Feste nur in neue Legenden gekleidet hat, und heute haben wir den allgemeinen Irrfug. Die Glocken läuten. Geh weiter und verstau sie!
Sonstiges
Schluss mit dem Unbaum! Nein, hinter X-Mess ist der Punkt ein zu Setzender! Δῶς μοι πᾶ στῶ καὶ τὰν γᾶν κινάσω — aber das will auch erstmal in LaTeX gesetzt sein. Wenn solche Tücken den leichten Adlerflug der Gedanken in den bücksamen Kriechgang der Technikbedienung wandeln, nimmts doch nicht Wunders, dass die olle Erde immer noch auf der gleichen Bahn um den Schwerpunkt des Sonnensystems ellipselt.
Mit der Technik und gewissen Schwierigkeiten mit dem Punkt hats auch die HAZ — da ists jetzt vorbei mit der inhäusigen Technikkompetenz. Das merkt man zum Beispiel, wenn das… nee, ich sags lieber neutral… seriös layoutete hannöversche Presseprodukt über die “Szene” der Blogger schreibt. (Natürlich nur fast aller.) Das Veröffentlichen eines vom Madsack-Verlag äußerst preisgünstig erworbenen Contents auf diversen Madsack-Websites klappt ja noch, aber da mal einen Link reinsetzen, das ist für die “neue Netzkompetenz” ein bisschen zu viel verlangt.
Geüstrates
Unfassbar! Misburg bekommt doch wieder Straßenbahnen. Ich kann mich erinnern, dass es die schon in den Achtziger Jahren geben sollte…
Sechsenn-Neunzich
Was ein wirklicher Fan ist, wird sich die Bundesliga-Tabelle vom 10. Dezember wohl ausgedruckt und an die Wand gehängt haben.
Bücher
- Dan Wells: Ich bin kein Serienkiller
- Guillermo Del Toro / Chuck Hogan: Die Saat
- Jonathan Nasaw: Die Geduld der Spinne
Filme
Huch, nur einer…
Völlig außerhalb jeder Konkurrenz die alltime tops (soll ich das nicht lieber als “zeitlose Gipfel” in meiner Muttersprache sagen?) der Weihnachtsfilme bei Mythopoeia, Eileen Steinbach und einem obskuren Stöckchenscherzer.
Glückwünsche
Eileen Steinbach hat Geburtstag gefeiert und verschweigt natürlich die laufende Nummer. Ich überlasse das Zählen auch lieber dem Computer, aber mir sieht man ja auch schon an, dass ich dem Tod jeden Tag in sein knöchernes Antlitz schaue.
Ach ja, es war zwar erst nicht so sicher und dann gabs erstmal Probearbeit, aber das Spielkind hat Arbeit. Hoffentlich eine erträgliche. Und nicht eine, die man nur über Spam angeboten bekommt.
Krieg
Ach ja, der verdammte Krieg läuft auch noch — und von wegen keiner geht hin… der Krieg als Talkshow ist zwei Größenordnungen unterirdischer, als ich es mir in meinem schlimmsten Zynismus hätte ausdenken können. Was kommt da als nächstes? Das von Stefan Raab und Dieter Bohlen produzierte Afghanistan-Musical mit dem Happy Taliban Choir, dem balladenhaften Song of The Free Dead Ones, dem March of the Body Bags und dem großen Finale Holy Heroes From German Reich Germany? Und Der Stürmer das Sturmgeschütz des tiefgelegten Boulevardjournalismus fordert “Klappe halten“, während man sich das Frühstück noch einmal durch den Kopf gehen lässt. Nee, wir sollen schließen, alles hat reduziert zu sein. So richtige Schlafprofis sollen wir sein. Und wie die offizielle bundesdeutsche Außenpolitik dieses Ding mit der europäischen Integration sieht, ist auch recht klar geworden.
Klar, das ist wie immer eine total subjektive Auswahl, und eventuelle Verbindungen zwischen den Themen habe ich nur auf Grundlage meiner zuweilen etwas unkonventionell arbeitenden Phantasie errichtet. Das darf und soll alles beliebig gefleddert werden. Euer Elias

