Rückblick September 2009
Der September hat doch gerade erst angefangen, dachte ich mir — aber er hat sich ja richtig schnell zum Ende geneigt. Am Wahlkampf kann dieses flutsche Verfliegen der Zeit jedenfalls nicht gelegen haben, der war eher dröge. Da geht man mal wieder am Schützenplatz vorbei, weil man um die Innenstadt lieber einen weiten Bogen macht, und was dringt an die Ohren? Der Krach des Oktoberfestes. Es war ein recht verhaltener Krach, mehr von Maschinen und Tonwiedergabegeräten als von Menschen. Es ist ja auch nicht München, sondern alles ein bisschen kleiner. Deshalb gibts auch keine Maß, sondern die hannöversche Art, dem Körper Alkohol zuzuführen. Immerhin, der Bedarf an Pissoirs ist angesichts der kleineren Gläser auch nicht so groß.
Ach, “Pissoirs”, wat seech ek da?! Kaum hat man mal einen längeren Lebensabschnitt in der nördlichsten Stadt Italiens (München) verlebt, schon erlebt man diesen Sprachprozess. Die ersten vier Wochen fühlt man sich als Norddeutscher wie ein Ausländer und wünscht sich, in den Niederlanden unter Menschen mit leicht verständlicher Zunge zu weilen. Aber man hört sich rein, gewöhnt sich daran, übernimmt irgendwann die ganzen fremden Vokabeln (und zum Glück nicht die starke Dipthongisierung der Vokale, die einem Preiß einfach nicht über die Lippen gehen will) und irgendwann auch diese ganzen Grammatikfehler. Den (falschen) Konjunktiv “bräuchte” habe ich mir dabei so verinnerlicht, dass er gar nicht mehr raus will — ich kann mich konzentrieren, wie ich will, er kommt von allein, als sei er meine Muttersprache. Dafür gilt man dort als einer, der die Tiefen des deutschen Präteritums kennt, fast schon als gebildet — dort, im Reich des Perfekts.
Ach ja, Perfekt… ich wollte ja eigentlich einen Rückblick schreiben.
Themen
Ein beherrschendes Thema war natürlich die Wahl zum Deutschen Bundestag und der Wahlkampf. Das lag nicht daran, dass es ein interessanter oder gar mitreißender Wahlkampf gewesen wäre, nein, er war eher müde und öde. Er war so müde, dass das Internet selbst zu handeln angefangen hat, damit überhaupt jemand zur Wahl geht. Die Plakate reizten jedenfalls eher zum Gähnen, zur Heiterkeit oder zur Anfertigung von Satiren, wenn sie nicht gleich realsatirisch waren. Vor allem die hübschen Fotos mit den hohlen Phrasen der CDU lösten offenbar einen unwiderstehlichen Reiz aus. Wenigstens ist Guido Westerwelle beim Original FDP geblieben und nicht beim Nachbauversuch in Form der nachgeschröderten SPD. Irgendwie fehlte es den Wahlwerbern an der Gekonntheit. Und auch die kleine Spam-Aktion der FDP konnte ebensowenig überzeugen wie die Schleichwerbung bei hannover.de.
Immerhin, der Auftritt von Angela Merkel und Ursula von der Leyen am Steintor verlief fast reibungslos.
Natürlich hat diese Stümperei nur eine Minderheit vom Wählen abgehalten, und das trotz der bösen Drohungen. Es wird ja auch fast jedem leicht möglich gemacht, sein Kreuz bei einer der Realsatiren zu schlagen — na ja, wenn er nicht gerade obdachlos ist, denn sonst ist das mit doch etwas mehr Aufwand verbunden. Bei aller “Qualitätssicherung”, etwaige Fremdkörper bleiben eben weiterhin unvermeidbar. Für 98 Prozent Wahlbeteiligung hat es aber nicht einmal näherungsweise gereicht, ganz im Gegenteil, trotz der relativ großen Bedeutung der Wahl war die Wahlbeteiligung ein weiterer Minusrekord.
Tja, und dann kam endlich der Abend des Wahltages. Und aus rot wurde schwarz. Na ja, eher wurde aus dem stark ausgeblichenen Rot der SPD das schwarz-gelbe Warnmuster einer Wespe, die sich auf einen Apfelbaum stürzt. Und unsere BR Deutschland hat jetzt für vier Jahre den Salat, den sich die Menschen darin so verdient haben; mal schauen, wie er schmeckt. Vielleicht sollte man die passende Soße dazu nehmen…
Wenigstens ist die Soße nicht braun. Auch die NPD wollte ja ein bisschen wahlkämpfen und spazierte durch die Südstadt. Ein Prozent dürfte bedeutungslos genug sein. Aber mein Glückwunsch an die eindeutigen Wahlsieger, die FDP und die Grünen — und an die Piratenpartei, die mit 2 Prozent aus dem Stand ein deutliches Zeichen gegen den weiteren Abbau der Bürgerrechte und den sich immer mehr ausbreitenden zwingenden Blick des unsichtbaren Bruders in der Wachstube setzte. Die Grünen hatten es bei ihrer ersten Bundestagswahl nicht so dicke. Aber die hatten auch bessere Konkurrenz.
Glückwünsche
Herzlichen Glückwunsch an Phil, der sich jetzt als ein Fachinformatiker Fachrichtung: Systemintegration nennen darf. Ich glaube, das sind die Leute, die unterm Schreibtisch kriechen…
Bedrohte Blogs
Jetzt, wo die Garten.Eden.Kirche verschwindet, ist ein bisschen fraglich, ob dieses Blog noch weitergeführt wird. Wir werden sehen.
Schwachsinn des Monats
Die Idee des Madsack-Verlages, den Menschen Geld dafür abzuknöpfen, dass sie eine Seite aus dem Internet an einen Bekannten mailen können, ist der Größtmögliche Anzunehmende Unfug. Wer noch nicht gerafft hat, wie man einen Link aus der Adresszeile des Browsers über die Zwischenablage in eine Mail kopiert, wie man eine Seite lokal speichert und weitermailt oder wie man ein PDF aus einer im Browser dargestellten Website macht (das geht zumindest unter Linux einfach), der bewegt sich vermutlich gar nicht im Internet. Da wird es dann auch schwierig, auch solchen netzfernen Leuten eine Zielgruppe für ein internet-basiertes Angebot zu machen. Ich wollte, ich könnte glauben, dass die Redaktion der HAZ mehr Gehirn innerhalb des Schädels hat als der Denkverweigerer, der sich diese tolle Geschäftsidee ausgedacht hat. Aber ich kann es nicht glauben.
Und Tschüss
So, ich hoffe, dass es in den nächsten vier Jahren keine weitere Bundestagswahl gibt. Da vergisst man ja völlig, dass das Leben auch noch schöne und heitere Momente anzubieten hat. Und seltsame Sinneseindrücke. Und Bahnfahrten. Und Suppe. Und Speiseeis. Und fliegendes, gammliges Gemüse. Und Dung von Polizeipferden. Und Kreuzfahrten. Und Licht aus… Was… Licht aus?
Gute Nacht!
Wie immer habe ich hier schnell und recht unsystematisch etwas zusammengeschmiert. Das darf und soll beliebig zerfleddert werden. Etliche Links sind absichtlich an den Haaren herbeigezogen. Solches Vorgehen enthüpft meiner eigenen Heiterkeit.