Monatsrückblick August 2010

Monatsrückblick August 2010

Ja, dieser August dauert noch ein paar Tage, aber wenn er sich so viel Mühe gibt, jetzt schon wie der beginnende Herbst zu wirken, denn darf er sich nicht wundern, dieser August, dieser! Außerdem weiß ich mal wieder nicht, ob ich in den nächsten Tagen eine vernünftige Arbeitsumgebung für den doch immer sehr netz- und zeitfordernden Rückblick habe, also haue ich heute schon in die Tasten. Wenigstens gibts beim gegenwärtigen Fehlen verdammt angenehmer Temperaturen nicht so viel Wäsche, und dem Regnen in die Leine kann man ja auch eine gewisse Faszination abgewinnen. Es beginnt eben wieder die Zeit für Regengeschichten.

Ereignetes

Der Sommer hatte seine üblichen Vergällungen und Steigerungen des Geräuschpegels, die man hier “Kultur” nennt: Beim Maschseefest konnte man sich vielerlei Dinge für das Einführen in den Mund kaufen und allerhand Musizierende und Füße betrachten. Wer in Linden blieb, konnte sich mit weniger Einführen in den Mund, dafür aber mit Zaun drumherum zum Fährmannsfest begeben — interessanterweise war ich an dem Wochenende in Linden, und wurde so häufig nach dem Weg zum Gelände gefragt, dass ich mir sicher bin, dass ein erklecklicher Anteil der Besucher gar nicht aus Linden kam. Na, da haben diese Leute wenigstens einmal bemerkt, wo in Hannover das urbane Leben stattfindet — in der Innenstadt tut es des nämlich weniger. Da ist etwas in Ansätzen vorhanden, kann aber in der Darbietung nicht überzeugen. (Herrliche Beschreibung, wenn auch nicht für die Stadt abgegeben…) Da gibt es ja nicht einmal Stichmännchen im Rotlichtviertel. Die Verpackung ist eben nicht alles.

Viele viele Möglichkeiten bietet die Stadt. Und das hat sie mit vier Pflastern gemeinsam. Ein bisschen an ein Pflaster erinnert es übrigens auch, wenn man mitteilen soll, warum man Hannover liebt, damit diese Aussagen zur Verschönerung des Ihmezentrums verwendet werden. Na, wo ein Insolvenzverwalter mitmacht, gerät so etwas schnell zur Realsatire, die am ehesten noch dem Freundeskreis Sprachpansch gefällt. (Nachtrag: Wer ein bisschen mehr sehen will, der Frontbumpersticker hats fotografisch dokumentiert.) Ach, apropos Ihmezentrum und Realsatire, da kann ich nur die Website zum Linden-Park empfehlen, die ungefähr so lange schon so daliegt, wie Carlyle das Weite gesucht hat und die 35.000 m² hinphantasiertes Einzelhandelszentrum mit Fachmärkten als Schrotthaufen zurückgelassen hat. Und dann doch wieder Sprachpansch, denn die Werber, die dieses Dingsda benamst haben, konnten mal wieder weniger Deutsch, als sie Englisch sprachen, und so kam es zum doppelt gemoppelten Ausdruck “shopping mall”. Der ist fast so gut wie “LED Display-Anzeige” oder “Eingangs Entry Point” (beide schon gelesen). Die Metrik des Eigentums wird auch durch bunte Farben und farbige Worte nicht hübscher. Schon schade, dass Beton nicht brennt.

Wenn ich etwas an Googles Street View störend finde, denn die Tatsache, dass es die Hässlichkeit der Architektur vervielfältigt, ohne dass da Hoffnung auf Verpixelung bestünde. Demnächst wird Google wohl auch Bilder vom Ihmezentrum ins Web tragen, die man dann einmal mit Bildern vor dem Umbau vergleichen kann. Unfassbar, es ist übler geworden. Und das Kröpcke-Center gibt auch gerade einen sehr malerischen Einblick in die Stadt, damit im Hannover des Nordens ticken die Menschen halt anders als im Hannover des Südens und nehmen jede Beglückungsidee ihrer Stadtplaner widerstandslos hin. Und diese Beglücker scheinen ihre Architektur-Programme billig gekauft zu haben. Ich hoffe ja, dass Hannover bald in Street View verfügbar ist, damit ich jemanden bei einer Verabredung am Kröpcke diese Bilder stecken kann und so sanft zu einem angenehmeren Platz drängen kann.

Übrigens gilt nach Meinung der Hamburger Dunkelkammer für Bilder im Internet kein Urheberrecht mehr.

Wenn schon nicht wegen Hannovers Architektur die Häuser verpixelt werden, so wird zum Trost wenigstens wegen Hannovers herrschender Klasse die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit schwarzen Balken entbuchstabt. Wer wissen will, was da geschwärzt wird, findet es leicht an anderer Stelle wieder. Ich hoffe ja sehr, dass wir in absehbarer Zeit mit der gleichen Haltung auf die Bilder in Street View schauen, während die Architektur der Stadt völlig anders geworden ist, irgendwie weniger kalt, dafür mit hübschen Ecken angereichert und so beschaffen, als ob sie zu etwas anderem diene als einem logistisch optimierten Geschäftsvorgang. Im Moment wirkt Hannover, als ob es eine Stadt wäre, die man am besten von oben betrachtet.

Foodporn

Beim letzten Bloggertreffen hatte ich mal angemerkt, dass es seit dem Verschwinden des pink diary gar keinen richtigen food porn in den hannöverschen Blogs mehr gibt. Dem Spielkind seis gedankt, das ändert sich! Ob aus Resten Nudeln mit Sommergemüse werden, ob es Sushi gibt, Schmorgurken oder auch mal fünf Kilo Kekse. Das Wasser läuft im Munde zusammen.

Gezwitschertes

Twitter erzwingt übrigens jetzt den Umstieg auf oAuth. Warum? Na, vermutlich weil Twitter ein riesiges Problem mit Spam und geownten Accounts hat. Gegen die Seuche der Twitter-Spam hilft es allerdings (noch) nicht, dafür muss jetzt jeder Blogger, der in sein selbstgehostetes WordPress das populäre Plugin Twitter Tools verbastelt hat, auf die neue Version von Twitter Tools upgraden. (Das alte Verfahren funktioniert nur noch sehr eingeschränkt.) Und die Konfiguration dieses Plugins ist ziemlich zickig. Vieleicht ist den technisch weniger versierten Menschen mit meiner “Kurzanleitung” für die Konfiguration ein bisschen geholfen. ;-)

Sechsundneunzig

Bei allem Bemühen um Ausgewogenheit, aber für Fußball bin ich wirklich das falsche Publikum. Das liegt nicht etwa am Fußball, sondern an den Leuten, die sich gewöhnlich versammeln, um gemeinsam anderen Menschen beim Fußballspielen zuzuschauen und an den seltsamen Ritualen zur Erschaffung eines durchaus lärmenden kollektiven Geistes, an dem diese einzelnen Leute dann für ein paar Stündchen ihre sonst mühsam gepflegte Kultiviertheit abgeben. Ein bisschen erinnert jede größere Gemeinschaft von Fußballfans an einen mordbrennenden Mob, auch vom Inhalt der sprachlichen Äußerungen her. Andere Sportarten haben Zuschauer, die ich viel angenehmer finde, Billard zum Beispiel — auch trägt dort in der Regel niemand an einem heißen Sommertag einen Schal. Aber seit Die Roten im Bloggenden Hannover sind, ist auch der bierbrüllende Fußball meinem Leben hinzugefügt, und ich will meinen Defaitismus mal ein bisschen zügeln, so eine Bundesligamannschaft in der Stadt ist ja doch für ein paar Menschen ein interessantes Thema. Und die Saison hat auch wieder angefangen. Wie sie angefangen hat, zeigte sich leider schon im Vorfeld an der Beta-Version der Mannschaft. Und im Pokal… ach, vergessen wirs doch lieber.

Nahverkehrtes

Man kann Mitglied bei Pro-D-Tunnel werden. Nur noch einmal explizit hier erwähnt, damit es nicht untergeht.

Gestorbenes

Christoph Schlingensief ist an seinem Krebs gestorben.

Filme

Und völlig außer jeder Konkurrenz: Brainstorming.

Interessant auch noch das Stöckchen, welche Filme aus den besten Einhundert der IMDb man denn schon gesehen hat. Dies verraten Mythopoeia, Eileen Steinbach, Phil und das Blog-Haus.

Post des Monats

Ich habe ja schon manchen komischen Kommunikationsversuch erlebt, auch in den Zeiten, in denen ich wesentlich gesellschaftskonformer lebte. Unter anderem habe ich einige Wochen lang einen Programmierer auswählen “dürfen” und hatte jeden frischen Morgen zur Begrüßung einen gebieterischen Stapel Mappen auf dem Tisch, und in jeder dieser Mappen bewarb sich jemand um einen Job, der recht hoch dotiert war. Ich hätte niemals vorher geglaubt, dass Absolventen deutscher Hochschulen so einen Bullshit in so einer mieserablen Rechtschreibung zu Papier bringen könnten (ganz offensichtlich ohne mal jemanden Korrektur lesen zu lassen) und dass sie darüber hinaus völlig unfähig zu sein scheinen, sich einfach mal zu fragen, was denn so einen Menschen mit einem Stapel Mappen auf dem Tisch besonders interessieren könnte. Um dieses kleine Geheimnis zu verraten: Das Foto ist es ebensowenig wie die Fähigkeit des Bewerbers, bei der Auswahl von Schriftschnitten und Schriftgrößen völlig emanzipiert von jeder Übersichtlichkeit oder gar Ästhetik vorzugehen. Aber eine kurze (von mir aus auch als Anlage reingelegte) Zusammenfassung, was einer kann und was einer schon gemacht hat, damit ich eine schnelle Vorsortierung machen kann, vielleicht eine kleines Anschreiben in englischer Sprache dazu (das war ein wichtiges und in der Stellenanzeige hervorgehobenes Kriterium, denn wer dort kein Englisch konnte, der war ausgeschlossener aus der Kommunikation als die beiden Leute, die kaum Deutsch konnten) — ja, so etwas hätte mir dieses Abarbeiten sehr erleichtert. Wer jemals vor der Aufgabe steht, Bewerbungen schreiben zu müssen: Denkt bitte an den armen Menschen, der irgendwo einen ganzen Stapel davon auf dem Tisch liegen hat und versucht, sich beim Marsch durch diesen Dschungel aus Papier zu motivieren! Denkt daran, dass dieser Mensch die einzelnen Mappen auseinandernimmt, um besser vergleichen zu können, und seht zu, dass auf jedem Blatt irgendwo euer Name und am besten auch eine Telefonnummer für eine kurze Rückfrage steht! Vieles Unklare lässt sich so klären, und dies vermutlich zum beiderseitigen Vorteil. Und wenn ihr eure Bewerbung als E-Mail versendet, nehmt bitte ein Dateiformat, dass jemand ohne Windows auf seinem Rechner nicht mit einem cat attachment.doc | strings | less in seiner Unix-Shell lesen muss, zumal das Dokument dabei eine oft sehr heitere Geschichte seiner früheren Änderungen erzählt! (Der Trick, den ich hier mal kurz benannt habe, funktioniert nur mit älteren Office-Versionen, aber die jetzigen Dokumente sind gezippte XML-Dateien und lassen sich ebenfalls “spanabhebend” lesen.) Ein PDF lässt sich aus jeder modernen Software heraus erzeugen. Und wenn ihr wissen wollt, wie man wirklich alles bei einer Bewerbung falsch macht, denn lest mal bei blog2.de weiter

Oder ist das nur eine Pflichtefüllung für die ARGE? Na, das sieht man.

Wie immer ist diese Auswahl völlig subjetiv und die Links und Verbindungen sind völlig willkürlich nach den Maßstäben meiner manchmal vielleicht pathologischen Heiterkeit gesetzt. Es darf, soll, muss zerrissen werden. Euer Elias

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